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«Ich bin ein glücklicher Pessimist»

«Ich bin ein glücklicher Pessimist»


Unter dem Titel «Mysteries of Humour» spielt die Camerata Bern am 3. Februar ein Konzertprogramm, das von ihrem diesjährigen Composer-in-Residence, Francisco Coll García, kuratiert wurde.

Martina Hunziker


Francisco Coll García ist ein Mann von ganz eigenem Humor. In einem selbst gedrehten Video auf der Website der Camerata Bern zeigt sich Coll am Küchentisch bei der Zubereitung seines Lieblingsgerichts. Konzentriert, ohne eine Miene zu verziehen, erzählt er während des Schneidens von Äpfeln, dass Humor für ihn sehr wichtig sei – «insbesondere an Dienstagen und Samstagen». Es folgt eine Anekdote dazu, wann er sein Talent entdeckte, Witze zu machen, die überhaupt nicht lustig seien. Und als Coll dabei angelangt ist, den Kompositionsprozess seiner «Four Iberian Miniatures» zu erläutern, bedient er einen dermassen lauten Stabmixer, dass man ihn gar nicht mehr versteht.


Vom leidenden Künstler
Der gebürtige Spanier studierte zunächst Posaune, bevor er in London als bisher einziger Student vom zeitgenössischen britischen Komponisten Thomas Adès in Komposition unterrichtet wurde. Seinen Alltag als Komponist beschreibt Coll nahe am urromantischen Bild des leidenden Künstlers: «Ich führe ein sehr einsames Leben. Die meiste Zeit verbringe ich in meinem Studio in Luzern damit, beim Schreiben von Musik zu scheitern und wieder von vorne zu beginnen. » Meint er das ernst, oder ist das ein Witz? Colls Humor ist wahrlich nicht ganz einfach zu verstehen. Treffend wäre für ihn vielleicht auf gut Berndeutsch die Bezeichnung «Tröchni» – einer mit einem staubtrockenen Humor.
Als Composer-in-Residence der Camerata Bern hat Francisco Coll die Aufgabe, für die Saison 2018/2019 ein Konzertprogramm zusammenzustellen. Unter dem Titel «Mysteries of Humour» bündelt er nebst einem Werk von Mozart lauter Kompositionen aus dem 21. Jahrhundert – darunter mit den «Four Iberian Miniatures» auch etwas aus eigener Feder. Den programmierten Werken sei insbesondere gemein, dass der Humor in der Oberfläche der Musik liege: «Humor zu komponieren, ist etwas, das mich fasziniert. Gerade in der lächerlichen Zeit, in der wir uns befinden, hilft Humor beim Überleben.» Wo andere über «schwierige» Zeiten sprechen, greift Coll also eher zum Wort «lächerlich» – und wo andere keinen Grund zum Lachen mehr haben, scheint ihm der Humor nicht zu vergehen. Coll fügt an,dass der spanische Humor dem britischen sehr ähnlich sei, man lache ständig über sich selbst. «Der Mangel an Hoffnung aktiviert meinen Humor. Ich bin ein glücklicher Pessimist.»


Kein Witz
Francisco Colls Werk «Four Iberian Miniatures» für Violine und Orchester gelangte 2014 mit dem Solisten Pekka Kuusisto in Grossbritannien zur Uraufführung. Obwohl die vier Miniaturen sich im Konzertprogramm der Camerata Bern neben Werken wie «Ein musikalischer Spass» von Mozart oder «Moz-Art à la Haydn» von Schnittke einreihen, waren sie ursprünglich nicht als witzige Stücke angedacht. «Eigentlich hatte ich genau das Gegenteil im Kopf, ich wollte mit dieser Musik die Tiefgründigkeit der Flamencomusik aufzeigen», sagt Coll. Erst während der Proben für die Uraufführung sei ihm aus diversen Rückmeldungen klar geworden, dass sein Werk als sehr lustig wahrgenommen werde. «Das war eine grosse Überraschung für mich», erinnert er sich.

Worin zeichnet sich sein Kompositionsstil aus? Coll beschreibt, dass er in seiner Musik Vertrautes zusammen mit unkonventionellerem Material verwende. «Die emotionale Vertrautheit in der musikalischen Oberfläche soll einen Zugang für die Hörerinnen und Hörer schaffen. Ich hoffe aber, dass sich ihnen auch der tieferliegende, intellektuellere Modus erschliesst.» Er komponiere mit dem Bestreben, es so gut wie möglich zu machen, danach habe er sowieso keinen Einfluss mehr darauf, ob er dafür Anerkennung kriege oder nicht. Er ist ein Tiefstapler: Denn seit neuestem steht Colls Name auf der Gewinnerliste des Kompositionspreises der International Classical Music Awards (ICMA). Coll freut sich ausserordentlich über diesen Preis: «Komponisten sind in der Gesellschaft unsichtbar. Diese Auszeichnung macht mich ein wenig sichtbarer. » Francisco Coll García kann gut, was er tut. Ob die Jury der ICMA seinen musikalischen Humor verstanden hat, sei hingegen dahingestellt.
Konzert: So, 3. Februar, 17 Uhr,
Theater National, Bern.

Berner Zeitung, 01.02.2019, Martina Hunziker