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Streicherperfektion aus der Schweiz

Schon die Namen der beim Celler Kammermusikring gastierenden Musiker versprachen Musikgenuss vom Feinsten. Und so kam es dann auch: Die „Camerata Bern“ erwies sich als formidable Streicherformation. Dass ihre Leiterin am ersten Geigenpult, Antje Weithaas, dem Abend ein besonderes Gepräge verleihen würde, das war zu erwarten, dass die Streicher neben Weithaas dem Niveau ihrer Leiterin aber kaum nachstanden, das war dann aber doch nicht selbstverständlich. Toll. Und doch war dieser Abend kein ungetrübtes Erlebnis.

Normalerweise ist es ein Zeichen erfreulichen Verantwortungsbewusstseins gegenüber zeitgenössischen Komponisten, wenn deren Werke in ein normales Konzertprogramm integriert werden. Wenn dieses moderne Werk dann aber so nichtssagend daherkommt wie an diesem Abend, dann muss man sich schon fragen, was das soll. In der Stille nach dem letzten Ton des kurzen, aber trotzdem langatmigen Stückes „Diagonale“ von Cyrill Schürch wartete man als Zuhörer noch immer auf die erste inspirierte Stelle eines Werkes, das wie eine Mischung und ein dritter Aufguss von Musik diverser Komponisten der letzten knapp 100 Jahre wirkte. Das war reine Kopfmusik. Und als solche überflüssig.

Dass auch heutige Musik Gefühlsausdruck sein könnte, das wurde leider in diesem Konzert nicht klanglich dokumentiert, obwohl es dafür reichlich Beispiele gäbe, hingegen wurde ein Klassiker der frühen Moderne, Benjamin Britten, so seelenerfüllt gespielt, dass man nur begeistert sein konnte. Die Berner Musiker kosteten nämlich bei Brittens „Variationen über ein Thema von Frank Bridge“ die Klangmöglichkeiten eines Streichorchesters wunderbar aus.

Brittens versteckter Neoklassizismus legte viele Bezüge in die Musikgeschichte offen, aber Brittens Komponieren zeigte darüber hinaus vom ersten Ton an eine eigenständige musikalische Handschrift und eine große Ideenvielfalt. Und eine große Raffinesse im Umgang mit dem musikalischen Material. Aber am meisten beeindruckte die Perfektion in der Umsetzung durch die Camerata Bern.

Nach der Pause ging es dann auf dem gleichen Niveau weiter. Antje Weithaas und Käthe Steuri hatten sich des Streichquintetts in G-Dur von Johannes Brahms angenommen und eine Bearbeitung für Streichorchester arrangiert. Das war eine rundum gelungene Sache. Das ohnehin ein wenig von sinfonischem Atem getragene Brahms-Stück verträgt die Erweiterung auf 15 Musiker gut. Die Verstärkung der Basslinie durch einen weitgehend parallel zu den Celli geführten Kontrabass wirkte wie eine Abrundung des Stückes.

Ob die Verdickung des Klangs in den lauten Passagen so glücklich ist, das war in der knochentrockenen Akustik des Schlosstheaters und durch die teilweise überbordende Lautstärke nicht auszumachen. Am stärksten wirkte diese Aufführung denn auch in den leisen Passagen.
Da fand das Ensemble eine schlackenlose und kitschferne Innigkeit, wie sie selten erreicht wird. Das klang ganz lange nach im inneren Ohr.

Cellesche Zeitung, 8. März 2018, Reinald Hanke