Sphärenspiel

Sphärenspiel

Friday18. October 2019 7.30 PM Bern, Dampfzentrale

Sphärenspiel

Suyeon Kang — violin, soloist and artistic director 

Jean Sibelius (1865–1957)
Impromptu für Streichorchester, vom Komponisten nach Op. 5/5 & 6 bearbeitet

Alfred Schnittke (1934–1998)
Sonate für Violine und Kammerorchester

Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Streichquartett in a-Moll, Op.132, Fassung für Streichorchester

 

Emotionen, Stimmungen, Humor, das Leben und, ja, sogar flüch- tige Blicke auf was möglicherweise jenseits des Lebens wie wir
es kennen liegt – das haben Komponisten und Aufführende mit Musik darzustellen und zu vermitteln versucht. Dies ist unsere Rolle als komponierende und interpretierende Menschen, und es war für mich immer eine Inspirationsquelle, dass wir mit dem grossen Glück beschenkt wurden, tagtäglich zu dieser kompli- zierten Welt Eintritt zu bekommen. Eine melancholische musikalische Linie kann sich im nächsten Moment in einem Ausruf von Freude entladen; ein Augenblick der Leidenschaft löst sich wenige Sekunden später in introvertiertem Zweifel auf.

Die Welt der Farben, die wir in einem Moment wahrnehmen, als wäre sie hier, ist im nächsten wieder weg – und etwas, das wir
nie vermutet hätten, blüht plötzlich in der Mitte der Partitur auf. Daher der Titel des heutigen Programms: Sphärenspiel.

Dieses Programm wurde um ein bedeutungsvolles Werk gebaut – Beethovens Streichquartett op. 132 – das sich durch die eigentlichen Sphären der Sterblichkeit und Unsterblichkeit schlängelt. Es ist Beethoven in seiner vielleicht grössten Erhabenheit: Unheimlich beginnt der erste Satz mit dem quälenden Motiv Gis-A-F-E, das eine Art inneres Ringen schildert, während der mittlere Satz Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart nach einer kräfteraubenden Krankheitsstrecke geschrieben wurde, die den Komponisten beinahe getötet hätte. Es ist ein unerklärlich schönes und zartes Gebet, ein Augenblick, in welchem der sonst gepeinigte Mann völligen Frieden findet.

Sibelius hat seine Impromptus Nr. 5 und 6 für Klavier eigenhändig für Streichorchester bearbeitet und die Uraufführung 1894 in Turku geleitet. Auch hier finden wir wieder eine Gegenüberstellung von zwei kontrastierenden Sphären: Düstere Stille, kühl über- zeugend durch ihre Schlichtheit und Raum, und plötzlich aus dem Nichts, ein schöner, lebhafter Tanz.

Schnittkes Sonate für Violine führt uns zu seinem eigenen kom- positorischen Kreuzweg von einer Sphäre zur nächsten: Sein zuerst scheuer, jedoch bestimmter Durchbruch zur Welt der seri- ellen Musik, heraus aus dem nationalistischen Stil der Sowjet- union, welchem er zuvor verbunden war.

(Suyeon Kang, Berlin, März 2019)