«Jetzt bin ich hier angekommen»

In der Diskussionsreihe «‹Bund› im Gespräch» zeigte die Weltklasse-Geigerin und neue Camerata-Leiterin Patricia Kopatchinskaja, dass sie auch eine geistreiche Causeurin ist.

 

 

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Abheben zu Apolls Musen

Igor Strawinsky sorgte für Verwunderung. Er hatte sich mit seinem «Sacre du printemps» (1913) als Bürgerschreck und Avantgardist gebärdet, indem er die Streichinstrumente in dieser Tanzpartitur zu barbarischen Rhythmusturbos umfunktionierte. Ein paar Jahre später legte er den Rückwärtsgang ein und komponierte im Retrostil.

Bei der «Pulcinella»-Suite (1920) meint man, der barocke Onkel Pergolesi sei Pate gestanden. Und in der Ballettmusik «Apollon Musagète» (1928) kokettiert Strawinsky mit neoklassischer Sachlichkeit. Nun reagierten die Avantgardisten konsterniert. Von Igor, dem Schrecklichen, zu Igor, dem Lammfrommen? Für viele eine furchtbare Vorstellung.

Was damals ein Dilemma war, ist es heute nicht mehr. Das belegt die Camerata Bern im Zentrum Paul Klee. Sie nimmt Strawinsky beim Wort und blendet die Widersprüche in der musikgeschichtlichen Entwicklung aus, indem sie auch beim neoklassischen Strawinsky Reibungen und Rebellion aufdeckt.

Federndes Hörballett

Nachdem das 14-köpfige Orchester Ende letzter Saison mit der «Pulcinella»-Suite triumphierte, erweckt es jetzt «Apollon Musagète» zum Leben. Mit der Schlichtheit und kühlen Eleganz, mit der George Balanchine 1928 zu dieser Musik Körperlinien in den Raum choreografierte, exponiert die Camerata

Bern die musikalischen Themen, bis das federnde Hörballett zu Apolls Musen führt. Unter der Maske der musikalischen Ausdruckslosigkeit, welche die Instrumente hier zur Schau tragen (müssen), ahnt man menschliche Züge – und die sind voller Emotion.

Das Cello betört (innig: Thomas Kaufmann), die Streicher glänzen. Dann und wann meint man am Abgrund eines fernen Fin de siècle anzukommen. Die Solovioline (grossartige Kadenz: Antje Weithaas) bündelt die emotionalen Stränge zum Fluss, der in ein frostiges Finale mündet. Trotz des Piano lässt es schaudern. Das tönende Netz gefriert, als hätte Apoll feinen Reif über die Musik gepudert.

Es ist der erste Höhepunkt eines Konzerts, bei dem die Geigerin Antje Weithaas eigentlich gar nicht hätte auftreten wollen. Doch die geplante Gastsolistin Natalia Prishepenko musste wegen Krankheit absagen. So wird Weithaas zur Einspringerin im eigenen Ensemble – es ist ein Gewinn für alle.

Dass sie das Programm für eine Norwegen-Tournee Ende Januar vorbereitet, hört man. Die Camerata ist in Topform, technisch, gestalterisch und im Zusammenspiel. Im «Divertimento», einer Art Concerto grosso, das Béla Bartók 1939 in Saanen komponiert hat, zeichnet sie das Psychogramm einer Zeit, die geprägt ist von drohender Kriegsgefahr.

Gipfelsturm mit «Kreutzersonate»

Flirrende Texturen, faserig-zerbrechliche Unbehaustheit, Dissonanz-Reibungen: kein Konzertprogramm, bei dem man sich zurücklehnt. Der Genuss ist umso grösser. Die Camerata nimmt noch einmal Fahrt auf für den Gipfelsturm mit Beethovens «Kreutzersonate» in einer Fassung für Streichorchester von Richard Tognetti. Der verdichtete Satz steht dem Werk gut an.

Als umsichtige Solistin steht Antje Weithaas im Brennpunkt und fordert mit physischer Präsenz, Sorgfalt und Energie ihre Mitstreiter zu rhetorischen Höchstleistungen heraus. Wer das musikalische Live- Erlebnis verpasst hat, kann es wenigstens auf Konserve nachholen. Die Camerata Bern hat die «Kreutzersonate» (mit Antje Weithaas, aber anderer Besetzung) 2012 auf einer viel beachteten CD eingespielt. (Der Bund) 

Der Bund, 24. Januar 2017, Marianne Mühlemann