«Jetzt bin ich hier angekommen»

In der Diskussionsreihe «‹Bund› im Gespräch» zeigte die Weltklasse-Geigerin und neue Camerata-Leiterin Patricia Kopatchinskaja, dass sie auch eine geistreiche Causeurin ist.

 

 

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Chamäleon Camerata

Im vierten Saisonkonzert der Camerata Bern standen Strawinsky, Bartók und Beethoven auf dem Programm. Solistin Natalia Prishepenko fiel krankheitshalber aus. Den Solopart übernahm die Camerata-Leiterin Antje Weithaas.

Mehrmals im Laufe seines Lebens wechselte das Chamäleon Igor Strawinsky bei seinem Kompositionsstil die Farben. Nachdem er mit avancierten Werken wie dem «Sacre du printemps» Skandale hervorgerufen hatte, bewegt sich seine zwischen 1920 und 1950 entstandene Musik in ruhigeren Gefilden – Bezug nehmend auf die Musiksprache des Spätbarocks und der Frühklassik. In diese sogenannte neoklassizistische Phase fällt sein «Apollon musagète» von 1928. Mit den ruhigen Klängen dieser Ballettmusik eröffnete die Camerata Bern ein Konzert, bei dem das Spitzenensemble seinerseits seine chamäleonartige Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellte.

Leitung und Solistenpart

Da die Solistin Natalia Prishepenko krankheitsbedingt ausfiel, sprang für sie kurzerhand die langjährige Leiterin der Camerata, Antje Weithaas, ein. Sie krempelte das Programm um und übernahm neben der Leitung auch den Solistenpart. Das Ausdrucksspektrum der Camerata Bern ist beeindruckend. Ihre lyrische Seite offenbarte sich in der Interpretation von «Apollon musagète ». Unaufgeregt und voller zarter Momente zeichneten die 14 Musikerinnen und Musiker das Leben des Gottes Apollon nach. Die Doppelbödigkeit von Strawinskys Musik, die sich alt gibt, jedoch unglaublich modern ist, wurde nicht forciert herausgestrichen, sondern sublim unterstützt.

Geballte Energie

Ganz anders bei Béla Bartóks «Divertimento für Streichorchester ». Die geballte Energie der Camerata kam hier im ersten und im dritten Satz zum Vorschein. Und das zu Recht. Bartóks in Saanen entstandenes Werk spielt mit grösstmöglichen Kontrasten. Die von ungarischer Volksmusik inspirierten Ecksätze werden von einer zerbrechlichen konturlosen Gespenstermusik unterbrochen. Bei dramaturgisch perfekt eingesetzten Spannungsbögen – und etwas zu präsentem Bassregister – konnte das zahlreiche Publikum in die Abgründe dieser Musik blicken. Widmungsträger Rodolphe Kreutzer wies Beethovens neunte Klaviersonate einst zurück und erklärte sie als unspielbar. Den Übertitel Kreutzersonate behielt sie trotzdem. Dass die Sonate nicht nur spielbar, sondern auch eindrücklich interpretierbar ist, zeigte Antje Weithaas. Mit Leichtigkeit meisterte sie die technisch anspruchsvolle Sonate und erweckte sie mit brillantem Geigenklang während 40 Minuten stets aufs Neue zum Leben.

Andreas Zurbriggen 

Berner Zeitung, 24. Januar 2017, Andreas Zurbriggen